Veränderung braucht Beziehung

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Der Meinungskrieg

Aktuell ist man mit vielen Meinungspolen konfrontiert. Jeden Tag hört man verschiedene Aussagen, blickt anderen Grundüberzeugungen entgegen. Die Pandemie wirkt nach und verschärft so viele Gedanken in die eine oder andere Richtung. Ich sehe mich immer wieder aufgefordert anderen Menschen zuzuhören – auch wenn ich anderer Meinung bin. Aber ich sehe mich auch aufgefordert nicht nur zuzuhören, sondern mein Gegenüber auch verstehen zu wollen. Das ist echt hard work. Aber nur so schleifen wir uns ohne als Feinde auseinander zu gehen. Dennoch stellt sich mir manchmal die Frage, warum sind wir nicht bereit unsere Grundüberzeugungen zu ändern? Warum lassen wir uns selten auf Neues ein, stimmen uns nicht um? Warum verteidigen wir unseren Standpunkt bis zum bitteren Ende, auch wenn sich die Erkenntnislage ändert?

Veränderung auf freundschaftlichem Wege

Wenn ich auf meine persönlichen Entwicklungen der letzten Jahre so zurück schaue kann ich für mich sicher behaupten, dass die größten Veränderungen durch oder mit Freunden zusammen passiert sind. Erfahrungen, die uns geformt haben, Themen, die uns beschäftigten oder Erlebnisse, die uns als Kollektiv geprägt haben. Persönliche Fragezeichen, auf die ich nicht immer eine Antwort hatte, haben Freunde für mich beantworten können. Aber erst mit der Zeit konnte ich manche Antworten auch wirklich nachvollziehen. Veränderung braucht Zeit.

Imitation vor Innovation

Ich erinnere mich auch an Veränderungen, die nur widerwillig in mir vonstattengingen. Da hat mal jemand etwas zu mir gesagt und ich fand es komisch oder sogar falsch. Dennoch habe ich es befolgt, weil ich dem anderen eine gewisse Autorität über mein Leben zugesprochen hatte, weil ich ihm von Herzen vertraute. Bei mir waren das Eltern, Mentoren, manchmal Gott.

Dann habe ich erstmal gemacht, ausprobiert und später Gewinn draus gezogen, begriffen. Mein begrenzter Horizont gab mir noch nicht das Vermögen alles zu durchblicken. Ich habe erst nachgemacht, bevor ich verstand und mich veränderte. So ist es ja auch, wenn man eine Sprache lernt oder eine neue Fähigkeit trainiert. Erst muss man nachmachen, bevor man selbst mit neuen Erkenntnissen sein Wissen vernetzt und auf Neues stößt. Veränderung zwingt uns unsere Grenzen zu überwinden.

Die Philosophie und die Frage nach der Wahrheit

In der Regel ändern wir unsere Grundüberzeugungen nicht. Meist setzen sich am Anfang unseres Lebens wichtige Überzeugungen durch, die wir dann über den Verlauf unseres Lebens mit uns tragen. Diese Überzeugungen können politischer, religiöser oder ideologischer Natur sein. Es kommt dann eher selten vor, dass uns ein fundamental neuer Gedanke in unserem Denken verändert oder wir Grundüberzeugungen überarbeiten.

Der US-amerikanische Philosoph und Psychologe William James liefert dafür eine interessante Erklärung. Mit seinem philosophischen Ansatz der pragmatischen Ethik oder dem sogenannten „cash value“ beschreibt er die Funktion der Wahrheit für den Menschen. Danach ist die Funktion der Wahrheit nicht im absoluten Sinne zur Erkenntnis zu kommen, sondern Orientierung zu finden. Deshalb teilen wir Argumente nur so ein, dass sie in unser Weltbild reinpassen. Das liegt aber nach James in der Natur des Menschen, seinem Instinkt, dass er weiter so leben kann wie er lebt und sich in der Welt gut zurechtfinden kann, ohne großen Verwirrungen oder Schwierigkeiten zu begegnen. Die Wahrheit bemisst sich also letztendlich an der Nützlichkeit, dem „cash value“.  Sie ist eine praktisch, pragmatische Lebenswirklichkeit.

Die Hirnforschung zu Grundüberzeugungen

Interessanterweise zieht die Hirnforschung ganz ähnliche Schlüsse wie James. Natürlich ist ihr Ansatz medizinisch, wissenschaftlicher Natur, aber nicht weniger spannend. Eine Studie der Neurowissenschaftler Kaplan, Gimbel und Harris fand heraus, dass je nach dem Gehalt der Information im Gehirn unterschiedliche Bereiche aktiviert werden. Wenn zum Beispiel eine Information unser Gehirn erreicht, die unsere innersten Überzeugungen, unsere Identität tangiert und erschüttert, dann wird ein bestimmter Teil unseres Gehirns aktiviert. Es aktiviert sich ein Wächterzustand im Gehirn. Die Studie verzeichnet eine hohe Aktivität im dorsomedialen präfrontalen cortex, in der Inselrinde und in der Amygdala, dem Mantelkern. Also da ist dann richtig was los im Gehirn.

Das spannende daran ist aber, dass es gleichzeitig eine sehr geringe Aktivität im orbitofrontalen cortex gibt. Das ist der Bereich des Gehirns, der kognitiv, ernsthaft über Inhalte nachdenkt und Informationen verarbeitet. Die genannten hinteren Lagen des Gehirns beschäftigen sich hingegen mit der Identität und Grundüberzeugung. Es wird also bei gewissen Informationen, die nicht ins Bild passen, eine Art Abwehrhaltung im Gehirn angenommen. Jede Art der rationalen Auseinandersetzung mit dem Gegenüber wird dann praktisch unmöglich. Unsere innerste Persönlichkeit wird dadurch geschützt. Es ist also gar nicht so einfach jemanden von seinen Überzeugungen wegzubringen. Unser Gehirn ist wählerisch, womit es sich auseinandersetzten will.

Der Beziehungsweg

Viele Geschichten erzählen von Uneinigkeit und Zwietracht zwischen Menschen, von Meinungsverschiedenheiten. Auch die Bibel kennt dieses Phänomen. Als Jahrhunderte Jahre altes Geschichtsbuch greift sie viele einzelne Geschichte und Auseinandersetzungen auf. Im Großen die Auseinandersetzung zwischen Gott und dem Menschen.

In Römerbrief, der vom Apostel Paulus an die Gemeinde in Rom adressiert ist, möchte Paulus die gespaltene Gemeinschaft der Römer wieder zusammenbringen. Die Gemeinde in Rom besteht aus Judenchristen und Heidenchristen, die jeweils unterschiedliche Lebensarten und Praktiken des Glaubens ausleben. In diesem Kontext fällt eine spannende Aussage von Paulus. Er schreibt: „Passt euch nicht den Maßstäben dieser Welt an, sondern lasst euch von Gott verändern, damit euer ganzes Denken neu ausgerichtet wird. Nur dann könnt ihr beurteilen, was Gottes Wille ist, was gut und vollkommen ist und was ihm gefällt.“ [Die Bibel, Hoffnung für alle, Römer 12,2]

Was Paulus hier vorschlägt ist entscheidend. Er schlägt den Beziehungsweg vor. Aus der Beziehung Gott – Mensch geht eine Veränderung, eine neue Art des Denkens hervor. Dieser Shift ist der Schlüssel, um zur Einheit zu kommen. Wenn ich mir in diesem Rahmen die Philosophie und Hirnforschung anschaue, versuche die Bilder übereinander zu legen, dann macht das für mich Sinn. Beziehung stiftet zunächst Sinn und Identität. In diesem Rahmen formt sich Veränderung und letztendlich Wahrheit für mich und andere. Vielleicht ist der Beziehungsweg langwieriger und anstrengender als sich in Meinungsverschiedenheiten einen kurzen, kantigen Schlagabtausch zu geben. Aber mit Sicherheit ist er wertvoller und in Bezug auf die Veränderung nachhaltiger.

1 Kommentar

  • Mein lieber Nathanael,
    Sehr interessante Auslegung zu diesem aktuellen Thema, das mich mega beschäftigt zZ.!
    Ich finde, wir sollten uns als Menschen immer neu hinterfragen, aber auch festigen. Nur so können wir unseren Mitmenschen dienen.
    Danke für deinen Input. Große Klasse.
    Deine Mum😘

Nate

Ich bin Nate, schreibe über Gott und die Welt. Und alles was es dazwischen noch so gibt.

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