Netzwerkchaos

N

Über das Wesen des Networkmarketing.

Im Jahr 2019 hatte ich nun schon des Öfteren mit Netzwerken zutun. Was ist ein Netzwerk? Erstmal ist es bloß eine Verbindung, ein Netz eben, aus verschiedenen Leuten, von verschiedenen Standorten. Zusammengehalten durch eine Aufgabe oder ein gemeinsames Anliegen. So würde ich ein Netzwerk definieren. Gut soweit. Aktuell ist der Begriff Netzwerk allerdings ein bisschen überladener. Denke ich zumindest. Auch Leute, die per se nichts mit der Netzwerker Szene zu tun haben, hatten wahrscheinlich trotzdem schon eine Berührung. Vielleicht wird es bei dem Stichwort Network-Marketing klarer. Network Marketing ist die Art über Beziehungen etwas zu verkaufen. Finanzprodukte, Sportprodukte, Kosmetika, Versicherungen, da gibt es so einiges. Die Palette ist sehr breit. Eine etwas flachere und „dümmere“ Form findet Auswuchs in Nachrichten wie dieser: „In nur drei Monaten ein Passives-Einkommen, von dem man Leben kann, willst du das auch? Dann schreib an +49 151 XXXXXXXX mit dem Stichwort „Ich will reich werden“ und erlebe dein Wunder“.

Vom ersten kontakt und der Überraschung

Vielleicht hast du selbst schon so eine Nachricht auf Instagram, auf Facebook, per Whatsapp bekommen. Kann auch sein, dass du schon persönlich angequatscht worden bist. Oder du hast einen Videoklipp mit schicken Autos und dicken Portemonnaies gesehen, indem du verklickert bekommen hast, wie man schnell und einfach an das große Geld kommt. Ich habe das erlebt.

Am eindrücklichsten waren für mich aber die persönlichen Gespräche mit den Netzwerkern selbst. Wie billig, denkst du jetzt. Stimmt. Die Whatsapp-Nachricht ist nicht nur verarsche, es ist auch dazu noch schlecht gemacht. Aber… Ich würde diese Zeilen hier nicht formulieren, wenn ich nicht so erstaunt darüber gewesen wäre, für wie viele Leute so etwas attraktiv ist. Wirklich. Ich war überrascht als ich mich damit befasst habe. Ich habe auch selbst versucht ein Netzwerk zu verstehen, habe Leute da ausgefragt, wurde selbst angeworben. Die große Frage, die ich mir gestellt hatte, war: Warum lassen sich Leute auf so plumpe Versprechen ein? Was steckt wirklich dahinter? Und das sind nicht Leute, die man einfach nur mit „dumm“ labeln kann. Wie geht das also? Was ist daran so attraktiv?

Was es im Networking interessantes gibt

Nochmal zur Erklärung. Ich schreibe in diesem Artikel nur über Netzwerke, die sich den Methoden des Network-Marketing bedienen. Netzwerke gibt es ja auch in vielfältiger Form für Wissenstransfer, Freundschaft usw. Darum geht es hier nicht. Dazu habe ich auch etwas übertrieben. Häufig sind diese Netzwerke nicht so plump, wie es die Whatsapp-Nachricht darstellt. Viele machen das auch besser. Es sind auch nicht alle Netzwerke per se schlecht. Es gibt Netzwerke, die verkaufen auch ganz cooles Zeug. Aber, da sind eben auch jene, da gibt es gar keine Produkte. Ehrlich jetzt, das gibt es! Eine Blase halt. Oder korrekt auch „Schneeballsystem“ bezeichnet. Es wird eine Story verkauft. Wenn man Kontakt mit Netzwerken bekommt, merkt man das auch gar nicht immer so schnell. Denn das liegt daran, dass man sie von außen gar nicht so einfach verstehen kann. Die schreiben nicht auf ihre Homepage wie sie aufgebaut sind, wer da was macht. Man wird oft einfach direkt mit Slogans geworben. Das ist auch häufig eine Artikulationsart. Auf Fragen, nicht mit Antworten zu reagieren, sondern mit Bildern und Slogans. Aber dazu gleich mehr. Was viele Netzwerke gemein haben, ist das, was über das Verkaufen hinaus – wenn überhaupt etwas Gescheites verkauft wird – passiert. Die Kultur, die gepredigt, vorgegeben und gelebt wird.

Natürlich geht es darum zu verkaufen. Darum geht es ja allen Profit orientierten Unternehmungen. Netzwerke haben aber darüber hinaus noch ein interessantes Angebot. Man kann auf Conventions kommen, bekommt Coachings angeboten, soll sich persönlich weiterentwickeln, kann Kolleginn/en und Teampartner/innen machen. Es werden gemeinsame Urlaube angeboten. Der claim des Networking ist zumeist, dass du dein eigenes Business aufbauen kannst. Passives Einkommen verdienen. Finanzielle Freiheit erreichen. Kurz würde ich das Angebot für die Networker mit folgenden Schlüsselwörtern umreißen: Es geht um Purpose, Zusammenhalt, Persönlichkeitsentwicklung und Unabhängigkeit.

Gute Begriffe, oder? Wollen und suchen wir ja alle. Ich auch. Deswegen nichts Schlechtes an und für sich. Im Fall der Netzwerke würde ich aber sagen, verdirbt hier eine komische Mischung den Tee. Es gibt wenige Institutionen, die solche Kombinationen anbieten und für junge Menschen dazu noch interessant sind. In einer schnellen Zeit sind diese Begriffe unheimlich interessant, geben einem Orientierung. By the way, ich suche auch ganz viel nach Orientierung.

Meine Kern-Probleme

Widersprüchlich finde ich wie all diese Attribute in Netzwerken zusammenkommen. Es gibt viele Akteure. Meistens sind ein, zwei Leute am Kopf des Netzwerks. Man hat auch die Möglichkeit innerhalb des Netzwerkes irgendwie aufzusteigen. Hierarchien. Das Ding ist, man weiß nicht genau wer was macht. Wer profitiert an welcher Stelle von wem? Wie fließt der Profit? Die fehlende Klarheit finde ich fragwürdig. Wenn doch alles gut ist, kann man doch Transparenz üben, what‘s the problem?

Die Teilnahme in solchen Netzwerken ist häufig nicht kostenlos. Entweder zahlt man selbst für die Produkte, für Coachings, Material oder Ähnliches. Manchmal gibt es Vergütungspläne wie man verdienen kann. Die sind dann auf Wachstum getrimmt. Je mehr Kunden du an Land ziehst, desto mehr kannst du verdienen. Wirbst du andere an, bist du ganz schnell selbst Unternehmer. „Unternehmer“… klingt cool, oder? Mit dem ewigen Wachstum ist das so eine Sache. Aber anderes Thema.

Leitung durch Bilder und Slogans

Mir sind noch die Slogans und Bilder aufgefallen. „Finanzielle Freiheit“. Als würde einen das Geld vom Geld selbst befreien. Ich halte das für eine Illusion. Wer Geld nachfolgt, wer Geld zu seinen Beweggründen macht, wird nicht frei. Das nur am Rande. Zwischendurch wird mal irgendwie von Porsche oder Lamborghini gesprochen. Man wird im Prinzip durch Slogans und Bilder geleitet. Wenn aber der Inhalt hinter Slogans nicht kommuniziert wird, bleiben sie ein Köder. Ist der Köder erst mal geschluckt… Genau, der Angler nimmt seinen Fisch dann aus. Ich weiß, böses Beispiel.

„Finde deinen Purpose“ noch so ein Slogan. Aber an der Reihenfolge ist definitiv etwas falsch. Einen Purpose solltest du zuerst haben. Erst begeistert von deinem Produkt sein, von einer Idee. Dann kommt das Verkaufen. Wer ein Netzwerk und eine Produktstrategie für seine Purpose-Entwicklung braucht, der trimmt einen Purpose. Er entwickelt ihn nicht. Dann ist da noch etwas anderes. Alles dreht sich um den Verkauf von irgendetwas. Drum herum tummeln sich Stichworte wie Mindset-Entwicklung oder Inspiration. Das da aber nichts für sich alleine stehen kann, dass das eine für das andere benutzt wird und funktioniert, finde ich falsch. In allem findet sich so eine Art Produktzentrierung wieder. Wer wirklich die Welt verändern will, redet von seinen Visionen, sucht Mehrwert für Kunden und Gesellschaft. Ich kann mich täuschen, aber der Mehrwert, den ich rausgehört habe, ist immer Ich-zentriert. Ich will finanziell frei werden. Ich möchte mehr Kunden gewinnen. Ich möchte Business starten. Die Vision wird sehr eng gehalten.

Einige Fragen bleiben

Ich hoffe, ich trete niemandem zu nahe. Ich kann jetzt aber guten Gewissens sagen, dass ich mich mit Netzwerken und der Szene auseinandergesetzt habe. Ansonst hätte ich mich nicht getraut diese Zeilen hier zu schreiben. Allerdings ist mir wohl bewusst, und das habe ich weiter oben auch erwähnt, dass es viele verschiedene Arten von Netzwerken gibt. Deswegen treffen meine Thesen mit Sicherheit auch nicht auf jedes Netzwerk zu. Tupperware arbeitet übrigens auch mit Netzwerken. Das ist dann die etwas gesellschaftskonformere Art. Überall anerkannt. Aber meine Mutter wurde auch schon über ein Tupperware Netzwerk bedrängt Sachen zu kaufen. Komische Ausprägungen gibt es also überall. Ich sage aber trotzdem, dass ich nicht den Eindruck habe, diese Marketing-Netzwerke hundertprozentig verstanden zu haben. Genau das ist mein größtes Problem mit ihnen. Darum frage ich mich auch, ob die Leute wirklich wissen, wo sie da am Start sind.

Fazit

Mein Fazit ist, dass Netzwerke nicht immer schlecht sein müssen. Sie setzten viel Power frei und können mehr bewegen als andere Organisationen. Das haben auch Firmen schon gerafft. Es gibt Unternehmen, die ihre komplette Marketingabteilung sozusagen als Netzwerk outsourcen. Clevere Idee. Mein Bauchgefühl sagt mir aber, dass da viel Unglaubwürdigkeit drin ist und dass es manchen Beziehungen besser tun würde nicht als Verkaufsplattform zu fungieren.

Eine letzte Sache noch. Ich denke Marketing-Netzwerke haben Zukunft. Sie sind eine Antwort auf das unpersönliche Internet, spielen mit Vertrauen aus Beziehungen. Aber maßgeblichen Mehrwert werden in Zukunft die Institutionen schaffen, die soziale Fragen und Probleme unserer Zeit am cleversten lösen können. Wenn das Netzwerk sind, dann gut. Aktuell habe ich da so meine Zweifel daran. Ich lasse mich aber auch immer gerne eines Besseren belehren.

Gib doch ein Kommentar!

Nate

Ich bin Nate, schreibe über Gott und die Welt. Und alles was es dazwischen noch so gibt.

Posts abonnieren

Benachrichtigung per Mail über neue Beiträge erhalten
Loading

Kategorien