Warum Christen nie die Wahrheit haben

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Nach längerer Pause gibt es mal wieder etwas Neues auf meinem Blog. Juche. Zugegebenermaßen war diese Pause überlang und nicht so beabsichtigt. Es gab leider in anderen Bereichen viel zu tun und so musste ich den Blog auf die lange Bank schieben. Aber Jetzt!

In der vergangenen Zeit gingen mir einige theologische Denkanstöße nach, von denen ich unbedingt sprechen muss. Wie das immer so ist, man zieht sich viel rein, hört sich viel an, aber nur manches bleibt hängen. Dann merke ich immer, dass für mich mehr dahintersteckt, als ich vielleicht zunächst vermutet hatte.

Wer hat recht und was ist wahr?

Wer an etwas glaubt muss sich immer wieder damit auseinander setzten, wie und ob seine Sicht der Dinge mit der Wirklichkeit zusammenpasst. Wer das nicht tut, läuft Gefahr einen Fehler zu begehen, in zweierlei Hinsicht:

Die erste Misere ist struktureller Natur. Wer sich selbst und seinen Ansichten einen Absolutheitsanspruch verleiht, wird bei vermeintlich falschen Anschauungen anderer, immer mit dem Kopf durch die Wand müssen. Das tut weh und verletzt darüber hinaus auch andere Menschen. Denn man kann nicht mehr zuhören, den anderen verstehen oder nachempfinden. Es wird immer mit einem „ja, aber“ gekontert. Oder man bleibt allein, traut sich nicht mehr zu sprechen, kann aber auch nicht auf die Anschauungen anderer reagieren. Damit kann man sich auch selbst wehtun.

Die zweite Misere ist inhaltlicher Natur. Wer von sich selbst und seinen eigenen Ansichten denkt korrekt zu liegen, verpasst die Chance seine Ansichten zu schärfen, zu korrigieren und zu entwickeln. Oder anders: zu lernen!

Als Christ merke ich immer wieder, dass es im Dialog schwierig wird, wenn es um biblische Überzeugungen geht und darum, was jetzt biblisch/christlich falsch oder richtig ist. Wer hat recht? Wer hat die richtige Überzeugung? Wer verwendet die korrekte Hermeneutik im Umgang mit der Bibel?

Die Wahrheit in Person

Vor kurzem stieß ich in einem Podcast auf ein paar spannende Aussagen vom Schweizer Theologen Manuel Schmid. Es ging in einer theologischen Debatte um den offenen Theismus darum, wer nun richtig lag. In der Frage um die Wahrheit zitierte Manuel Schmid Johannes 14,6. Jesus sagt dort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich“.

In Bezug auf die Wahrheit ist das schon eine spannende Aussage. Wenn jemand nämlich behauptet die Wahrheit in seiner christlich/biblischen Anschauung zu haben, wäre das gleichbedeutend damit, Jesus zu besitzen, so argumentierte Manuel Schmid. Jesus ist allerdings eine Person. Für manche ist Jesus eine historische Person, für viele Christen ein Vorbild, der Sohn Gottes oder ein „Freund“. Was Jesus allerdings nicht ist und nie war, sei hier auch zu nennen: Jesus war kein Fürstreiter, Jesus war in seinen Ansichten zwar radikal, aber kein Meinungsmacher und keiner, der die Wahrheit für andere Menschen definierte. Jesus hat Geschichten über das Leben erzählt, Menschen Perspektive gegeben und sie in die Freiheit geführt. Seine Kernaussage war, dass das Reich Gottes nahe ist. Er forderte Menschen auf ihm nachzufolgen, ihr Leben zu verändern.

Wer auch immer biblisch oder christlich argumentiert, hat dabei die Person Jesus jedenfalls nicht in der Tasche und damit auch nicht die Wahrheit, zumindest nicht diese, die Jesus in Johannes 14 meint. Denn wir können keine Macht über die Person Jesus ausüben und Jesus schon gar nicht für unsere Zwecke missbrauchen: Wir können Jesus nicht für unsere Kampagnen benutzen oder mit ihm Marketing für unsere Sachen betreiben. Jesus sagt uns nicht was richtig oder falsch ist. Jesus gibt einen Weg vor auf eine bestimmte Art zu leben, ihm zu folgen, zu lieben.

Der freie Jesus

Manchmal denke ich, dass ich selbst viel zu wenig von Jesus verstanden habe, als über ihn reden zu können. Andererseits finde ich ihn dann wieder so faszinierend, dass ich über Jesus sprechen möchte.

Persönlich denke ich, dass Jesus in keinem unserer Teams mitspielen würde. Die Evangelien sind keine systematische Erklärung des Christentums. Jesus steht nicht auf der Seite der Christen oder ihre konservativen Lager und verpönt dabei linke Meinungsbilder. Jesus spielt auch nicht in unserem Spiel Christen vs. säkulare, agnostische Mediation mit. In welchem Spiel wir uns auch immer befinden mögen, glaube ich nicht, dass sich Jesus auf eine Seite schlagen würde. Jesus würde die Fronten versöhnen. Jesus würde kommen und lieben, selbst seine Feinde, verstehen und ermutigen.

Wenn ich versuche aus diesen Erkenntnissen irgendwelche Schlüsse zu ziehen, dann ist es wohl so, dass sich die Wahrheit nach christlicher Sicht nicht besonders statisch verhält. Sie scheint vielmehr ein fortwährender Klärungsprozess zu sein, in dem man sich immer wieder fragen muss, ob man diesem Jesus noch nachfolgt und wenn ja, wohin. Wenn Jesus selbst die Wahrheit ist – also, wenn man dieser biblischen Perspektive glauben kann- dann ringt man immer wieder neu darum, die Wahrheit zu entdecken. Denn Personen kann man nicht haben, gemäß dem Synonym „ich habe die Wahrheit“, außer man ist Sklaventreiber. Mit Personen interagiert man. Man ist zusammen unterwegs, streitet sich, versöhnt sich, lernt voneinander, usw. Insofern verstehe ich es so, als wird die Wahrheit Jesu immer wieder in unsere Welt inkarniert. So kann es auch zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich sein, was jetzt aus biblischer/christlicher Sicht wohl richtig sein mag. Die Frage scheint viel mehr zu sein – wohin möchte Jesus, dass ich ihm folge?

1 Kommentar

Nate

Ich bin Nate, schreibe über Gott und die Welt. Und alles was es dazwischen noch so gibt.

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