Der Traum hält uns wach Interview mit Gründer Sven Schneider

D

Gemeinde und Kirche wird sich in den nächsten Jahren drastisch verändern – davon gehe ich stark aus. Das ist nicht unbedingt schlimm oder bedenklich. Aber für einen erfolgreichen Shift brauchen wir neue Lösungen und dynamische Gemeinschaften.
Ein guter Freund von mir probiert sich in Halle (Saale) genau in diesem Feld aus. Sein Name ist Sven Schneider. Wir haben unsere Jugend gemeinsam verbracht und denken oft über Gemeinde nach, wie wir sie uns träumen und überlegen, wie man sie praktisch leben kann. Zwischen Traum und Praxis gibt es meist eine Diskrepanz. Die Dinge sind letztendlich doch nicht so einfach. Aber es ist spannend und wertvoll, sich darüber Gedanken zu machen.

Sven, du bist nun schon seit fast zwei Jahren in Halle. Du kümmerst dich um die Öffentlichkeitspräsenz und die kulturellen Events im Lichthaus Halle, ein Kulturhotspot für die Stadt. Daneben bist du in der Gemeindegründungsszene unterwegs. Wie kam es dazu?
Nach meinem Abitur wusste ich nicht, wohin mit mir. Ich war erstmal ein halbes Jahr in Südamerika. Danach wusste ich immer noch nicht, wohin mit mir. Ich habe angefangen, „Literatur, Kultur und Medien“ zu studieren. Vielleicht könnte das etwas für mich sein, vielleicht werde ich Redakteur. Allerdings hatte ich kein klares Ziel – das hat meine Motivation sehr gebremst. Parallel war ich in meiner Gemeinde, einer Freikirche in der Nähe von Siegen, in vielen Bereichen aktiv. Habe mir überlegt, ob ein „geistlicher Job“ passen könnte, dazu auch viel Zuspruch von anderen bekommen. Somit habe ich mein Studium im zweiten Semester abgebrochen und begonnen, Theologie an einer privaten Akademie zu studieren. Ich hatte zwar auch dafür keine große Vision, aber merkte schnell, warum ich da war. Gott hat mich auf zwei Themen aufmerksam gemacht: das erste Thema war meine eigene Persönlichkeit. Es war an der Zeit, mich besser kennen zu lernen, Stärken und Schwächen zu entdecken, ein Fokus für mein Leben zu gewinnen. Das war nicht nur dringend nötig sondern auch unglaublich hilfreich.
Das zweite Thema war Gemeindegründung und innovative Ansätze: Gesellschaft gestalten, Gemeinde neu denken, Gott auf neuen Wegen sichtbar machen. Das hat mich begeistert, ich wählte jeden möglichen Kurs zu dem Thema, las viele Bücher und lernte von Gemeindegründern. Während meinem Studium habe ich dann ein Praktikum im Kulturcafé Lichthaus in Halle gemacht, verbunden mit einer Gemeindegründung. Dort bin ich hängengeblieben. Es hat sich wie göttliche Führung angefühlt.

Was findest du denn an Gemeindegründung spannend?
Ich finde es faszinierend, wenn Menschen ihre eigenen Gewohnheiten und Traditionen hinterfragen. Wenn sie überlegen, ob es neue, andere oder bessere Ansätze gibt, Gemeinschaft zu leben und Menschen mit Gott zu connecten. In Gemeinden und im eigenen Glauben müssen wir Gott immer wieder suchen – davon bin ich überzeugt. Wir müssen fragen, was er uns und unserem Umfeld zu sagen hat. Vielleicht brauchen wir auf dieser Reise auch neue Formen – ohne bewährte Traditionen zu missachten. Neue Fragen stellen kostet Mut. Mich hat es immer beeindruckt, wenn Menschen sich auf diese spannende und ungemütliche Reise machen.

Interessant – neue Fragen bringen also neue Antworten. Was denken die „Innovatoren“ denn anders? Wie sieht ihr Mindset in Bezug auf Kirche aus?
Gott gehört in die Gesellschaft. Kirche ist kein Gebäude, auch kein Sonntagsgottesdienst, sondern in erster Linie eine lebendige Gemeinschaft von Jesusnachfolgern, die Gott in die Gesellschaft hineinlieben wollen. Sich öfters die Frage stellen, was Gott den Menschen in der Stadt zu sagen hat, und nicht nur „Wie kann unsere Gemeinde noch besser werden?“.
In der Vergangenheit hat sich mein Glaube immer um mich selbst gedreht. Ich habe nicht geschaut, wie es meinen Klassenkameraden, meinen Nachbarn, meinen Arbeitskollegen geht. Als wäre mein Glaube eine Privatsache, also ein Lebensbereich, der andere nichts angeht. Ich habe mich nicht gefragt, wie Menschen aus meinem Umfeld auch diesen Gott kennenlernen können, sondern wie mein Glaube „besser werden könnte“. Jetzt glaube ich: Gott und Gemeinde gehört in die Nachbarschaft, in die Stadt, in den Alltag. Glaube ist keine Privatsache. Gott ist für alle Menschen relevant.

Ist dann dieser missionale Gedanke (Fokus auf Nachbarschaft, Umfeld, Alltag) für diese neuen Gemeindeformen das Nonplusultra?
Meiner Meinung nach ist Gemeinde keine Institution, die mit sich selbst beschäftigt ist und überschüssige Zeit für Straßenevangelisation aufbringt.
Gottes Herzensanliegen ist, mit seinen Menschen wieder in Beziehung zu leben. Als weltweite Gemeinde klinken wir uns in diesen Auftrag mit ein. Wir sind Teil von seiner Arbeit, von seiner Mission. Deswegen sollten wir als Christen und Gemeinden immer missional leben und denken – das ist unsere DNA.

Okay. Aber warum sollten wir denn noch mehr Gemeinden gründen? Es gibt doch schon so viele. Wäre da nicht ein Umdenken ausreichend?
Ich glaube nicht, dass es genügend Gemeinden gibt. Aber davon abgesehen: neue Gemeinden bringen neue Ideen mit. Und neue Gemeinden lernen von alten und umgekehrt auch. Es entsteht eine tolle Dynamik, wenn Bewährtes und Frisches aufeinanderstoßen. Außerdem macht jede Gemeinde die Dinge unterschiedlich. Jede Gemeinde hat einen eigenen Drive und bewegt sich in einem anderen sozialen Kontext. Damit werden unterschiedliche und auch mehr Menschen erreicht.

Das heißt also, es muss immer eine definierte Zielgruppe geben?
Ich glaube, dass ein Fokus in jedem Falle hilfreich ist. Allerdings gehe ich davon aus, dass sich Milieus am besten selbst „erreichen“. Die Frage ist dann: Wer bin ich, in welchem sozialen Kontext bewege ich mich, womit kann ich mich selbst identifizieren? Mit diesem Blick schaue ich in meine Umgebung. Was mich an Gott begeistert, wird vielleicht auch einen guten Freund begeistern.

Sehr spannende Gedanken. Nun nochmal konkret zu dir: Verspürst du eine Art Berufung für deinen aktuellen Job?
Ich drücke es mal so aus: Es ist für mich in diesem Lebensabschnitt genau der richtige Platz, weil ich mich selbst, Gott und Gemeinde dadurch nochmal neu entdecken kann. Es tut mir total gut, das nicht alleine zu machen. Wir suchen in Halle gemeinsam nach neuen Wegen, Formen, Antworten.
Ich selbst habe viele Fragen und wenig Antworten, das will ich in Bezug auf dieses Interview auch nochmal betonen. Diese Suche ist ein Teil meiner Berufung und ist ein wichtiger Schritt für mich. Ich bin dankbar, gemeinsam mit Kollegen, Freunden und Gemeinde unterwegs zu sein und zu träumen.

Würdest du dich selbst als Träumer bezeichnen?
Ich bin von Haus aus ein Idealist und Träumer. Ich sehe meist einen perfekten Zustand, ein perfektes Ziel. Ich sehe das, was besser laufen könnte, träume von einer sehr blumigen Zukunft. Es passiert nicht selten, dass ich mich darin verliere und das Hier und Jetzt vernachlässige.

Ich glaube aber: wer neue Formen von Kirche und Gemeinde gründen möchte, muss träumen. Wie wichtig ist das Träumen in dieser Hinsicht für dich?
Wenn ich nicht träumen könnte, würde ich das wahrscheinlich gerade nicht machen. Ich müsste befürchten, dass wir als Kirchen und Gemeinden da stecken bleiben, wo wir sind. Und damit bin ich nicht ganz zufrieden. Wir beschäftigen uns viel mit uns selbst und bekommen nicht mal mit, wie es unseren Nachbarn geht – da packe ich vor allem an meine eigene Nase. Dieses Mindset halte ich weder für gesund noch zukunftsfähig. Hätte ich keine Hoffnung auf positive Veränderung, würde mir der Antrieb fehlen.

Was genau haben denn Träume mit der Realität zu tun?
Ich hatte schon immer rosige Wunschvorstellungen, aber selten den Anspruch, diese zu realisieren. Es war mehr wie eine Flucht aus dem Alltag. Ich hatte keine Motivation, wirklich etwas zu verändern.
Ich habe mir mittlerweile antrainiert, nur so weit zu träumen, wie Träume auch Realität werden können, also ein realistischer Träumer zu werden. Sonst bleibt bei mir erfahrungsgemäß eine große Unzufriedenheit zurück. Wenn ich merke, ein Traum ist zu groß, lass ich ihn wieder los.

Ich werde jetzt mal ein bisschen provokant. Vielfach wird gepredigt: „Träume groß, denn nur ein Traum, der zu groß für dich selbst ist, lässt Platz für Gott“. Was denkst du dazu in Bezug auf Gemeinde?
Dann provozier ich mal zurück. Dietrich Bonhoeffer schreibt in seinem Buch „Gemeinsames Leben“: „Wer seinen Traum von einer christlichen Gemeinschaft mehr liebt, als die christliche Gemeinschaft selbst, der wird zum Zerstörer jeder christlichen Gemeinschaft, und ob er es persönlich noch so ehrlich, noch so ernsthaft und hingebend meinte.“
Wer sich im Träumen verstrickt, tut sich und anderen weh. Träumerei kann eine Gegenwartsflucht sein. Unzufriedenheit, Pessimismus und Ungeduld sind sehr eng mit dem Träumen verwandt, das ist zumindest meine persönliche Erfahrung.
Und trotzdem glaube ich nicht, dass Bonhoeffer uns das Träumen verbietet. Wir sollten aber auf unseren Fokus achten. Wenn ich in Gedanken ständig in der Zukunft bin und die Gegenwart vernachlässige, ist das sicherlich ungesund. Besser wäre doch: Ich lebe im Hier und Jetzt, mach das Beste draus und habe eine Vision vor Augen. So stelle ich mir gesundes Träumen vor.

Das klingt gut! Aber wie sieht dieses gesunde Träumen dann praktisch aus?
Häufig warten und beten wir solange, bis Gott redet und uns endlich einen Traum schenkt, eine übernatürliche Vision. Dabei hat Gott ganz schön viel über sein Herz und seine Wünsche offenbart. Und er hat uns begabt, ausgestattet, Leidenschaft gegeben. Ich glaube, dass er uns ganz schön viel zutraut. Vielleicht denkt er sich manchmal sogar: „Mach doch einfach mal!“ Wenn wir ihn im Blick haben, ist das für mich eine runde Sache.

Apropos „Mach doch mal“: Wie kam es denn zu der Idee, Gemeinde in Halle zu gründen?
2012 wurde das Kulturcafé Lichthaus eröffnet. Es hat nicht lange gedauert, da hat sich eine Community rund ums Haus entwickelt, die meisten hatten was mit Gott am Hut. Man hat sich regelmäßig zum Family Dinner und Austausch getroffen. Die Idee war dann irgendwann, gemeinsam eine neue Form von Gemeinde zu gründen, basierend auf Hausgemeinden, ohne Gemeindehaus und große Events. Mehr Fokus auf Beziehungen und Alltag. 2017 ging dann das Hausgemeindenetzwerk „LUX Kollektiv“ offiziell an den Start. Dynamisch, beweglich, kontextbezogen. Sodass Kirchenfremde einfach anknüpfen können. Soweit der Plan.

Und wovon träumt ihr?
2016 wurden wir im Visionsprozess gefragt, wo wir uns in 20 Jahren sehen, also 2036. Der spontane Einfall war, bis dahin 36 missionale Kleingruppen zu haben, die Hoffnung und Segen ausstrahlen. Deswegen lautet unser Traum: „36 Mal Hoffnung quer durch Halle“

Wie nimmst du die Spannung zwischen Traum und Realität bei euch wahr?
Die Spannung ist groß und tut manchmal auch weh. Zum Beispiel, wenn wir von Gründungsbewegungen in Indien, Brasilien oder China hören. Da muss man ehrlich sagen, dass diese Form von Bewegung in Deutschland noch längst nicht im Gang ist. Liegt‘s an der Kultur? Oder vielleicht sogar uns? Mit unserer überschaubaren Anzahl an Hausgemeinden merken wir dann doch, dass manches nicht immer so unkompliziert läuft, wie wir es uns ausmalen. Natürliches Wachstum, Multiplikation und ein unaufhaltsamer Drive bleiben größtenteils noch aus. Wir wollen aber lernbereit und hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Wir sind gemeinsam auf der Suche nach passenden Formen.

Wie sieht diese Suche konkret aus?
Kurz gesagt: trial and error. Mutig probieren, korrigieren, neu anfangen. Wir wollen uns stetig selbst herausfordern und neue Schritte wagen. Eine Menge Humor und Selbstkritik ist da von Nöten. Und man braucht mutige Leute, die sich auf den Traum einlassen – und die haben wir!

Klingt nach einem spannende Prozess. Was hilft euch, dranzubleiben?
Der Weg ist das Ziel. Klingt kitschig, ist aber so. Wir sind davon überzeugt, dass es neue Wege und Formen braucht, damit Menschen in Deutschland einen übernatürlichen Gott kennenlernen können. Gemeinsam mit anderen Projekten und Gemeinden sind wir auf dieser Suche. Das ist oft mühsam, manchmal scheint’s sinnlos.  Aber ohne dieses Ausprobieren kommen meist keine neuen Erkenntnisse. Wir träumen davon, dass Menschen in Halle den Gott kennlernen, der uns Hoffnung gibt. Und der Traum hält uns wach.

Vielen Dank für deine Zeit und den wertvollen Austausch!
Wer Fragen zum Thema Gemeindegründung, missionale Projekte und Träumen hat, kann Sven gerne per Mail kontaktieren: schneidersven@online.de

1 Kommentar

  • Danke für das tolle Interview! Das ist auch das, was unser Herz bewegt, seit wir mit Gott unterwegs sind. Und die “negativen” Auswirkungen haben wir ebenso erfahren und erlebt, so wie Sven sie beschreibt. Danke nochmal fürs Erinnern 😉 das hilft vorsichtiger zu werden. Aber auch die Freude und die Spannung, die mit dem Gemeinde – Leben zusammenhängt, kennen wir gut. Letztendlich ist Zion unsere Sehnsucht, unter Gottes Herrschaft und Gerechtigkeit – das ist die perfekte Gemeinde! Ganz lieben Gruß, Olga (und Harald)

Nate

Ich bin Nate, schreibe über Gott und die Welt. Und alles was es dazwischen noch so gibt.

Posts abonnieren

Benachrichtigung per Mail über neue Beiträge erhalten
Loading

Kategorien